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Rede zur Ausstellungseröffnung „Harald Gnade: Still work on Paradise / Tatjana Schülke: Plastiken – Reliefs – Collagen“, Galerie Tammen, Berlin, 29.02.2020

Von Christioph Tannert

Tatjana Schülke präsentiert Plastiken, Reliefs und Collagen und untersucht die künstlerische Produktion als materielle Tätigkeit. Am auffälligsten ist wohl ihr Objekt „Growing down“, 2020 entstanden, geformt unter Verwendung von Holz, Polystyrol, Acryl, Pigment und Aluminium. Eine stachlige Gestalt in abwehrender Pose – mit einem Aussehen, das wir vielleicht meinen, von tausendfach vergrößerten Viren her zu kennen. Das simulierte Gefährliche. Schön schrecklich. Ein synthetisch programmierter Gedanke. Form als Simulationstriumph für eine Zeit, in der Undenkbares, Katastrophisches real zu werden droht. Nun ist aber „Growing down“ zum Glück keine Tatsache der Natur, sondern ein künstlerisches Produkt. 

Aber können wir deshalb aufatmen? Nein, weil die Realität der aktuellen Hysterie um das Corona-Virus tatsächlich schrecklicherweise ungebremst um sich greift. 

Die Materialität der Dinge spielt bei dieser erfahrenen Künstlerin eine herausragende Rolle. Sie formt nicht nur in vielseitigen Ausprägungen, sie fragt nicht nur in Richtung des Ästhetischen, sie stellt auch Fragen nach dem Verhältnis von Kunstwerk, Material und Autorinnenschaft. Zentral für sie ist das Negieren von Objekt-Funktionalität in einer Bandbreite von spielerischen über kontextunterlaufende Momente oder ironische bis absurde Haltungen einer abstrusen Materialgerechtigkeit. 

Merkwürdig, also des Bemerkens würdig, und zugleich herausfordernd finde ich die Negativformen, mit denen Tatjana Schülke arbeitet. Damit zieht sie uns in unbestimmte Zwischenräume. In Unterbrechungen. In die Stille zwischen zwei Impulsen. In genau diese Art von Stille, die darüber entscheidet, ob die Interpretation einer schwierigen philosophischen Fragestellung überzeugend gelungen ist oder einfach nur rhetorisch geschickt formuliert wurde.

Diese Unterbrechungen mit den sie parzellierenden dünnen Membranen beschreibt keine Pause und keine Leere, sondern es scheint, als ob sich in ihr Höhlung für Höhlung die Zeit selbst sammelt: die eigene und die Zeit der anderen.

Schauen Sie nur, wo sich überall Vertiefungen, Löcher und Poren entdecken lassen: In „Start up“ (2018), „Fragment“ (2020), „Sprachlos“ (2005), „Inside out“ (2008), „Blow up“ (2020), „Couple“ (2008). Ich würde sogar noch die Gitterstrukturen mit den Leerstellen zwischen den Stegen dazuzählen, etwa die „Sprachfragmente“ oder „Red Arise“ (2017) und auch die Verschlingungen der „Roten Membran“ (2020).

Die Wahrnehmung ihrer Gedanken nimmt Tatjana Schülke in der Zäsur, im Einschnitt wahr. Von Stille zu Stille. So wachsen im Prozess des Suchens und Findens, Unterbrechens und Neuansetzens ganze Stoffkreisläufe an Eindrücken und Ausdrucksformen. Tatjana Schülke modelliert Weltinnenräume, die wir uns zugleich als die Außenansicht von Planeten oder von Tiefseeorganismen vorstellen können. Einstülpungen, Vertiefungen und Ausbuchtungen sind die Spuren einer poetischen Phantasie. Tatjana Schülke bringt mit Leidenschaft erarbeitete und zugleich lautlose, eindringliche Objekte in einem ganz eigenen Ton zur Anschauung. Traditionsbewusst und visionär erkundet sie Welt und Materialitäten.

Holz, Karton, Gips, Gummi, Styrodur, Polystyrol verlieren unter ihren Händen ihren eigenen Charakter und animieren Erscheinungen, deren nie erfahrene Sichtbarkeit von der Künstlerin wie in einer Versuchsreihe der Seltsamkeiten erschaffen werden. Dabei gelangt sie partiell zu einer Heiterkeit, die, wie in „Outgoing“ (2018), die schönsten Wendungen abkippen lässt in etwas, das von einer grauenvollen Vorstellung einer Monster-Wurm-Invasion nicht weit entfernt ist. Diese Künstlerin baut an einer ungeschauten Welt. Die Liste ihrer seltenen Hervorbringungen ist nicht nur lang. Die Art, wie sich Weltneugier auf Form überträgt, ist zuweilen auch bizarr bzw. bedient sich einer kräftigen Subjektivität, die sie von den Modeprodukten vieler Zeitgenossen abhebt.

Harald Gnades Werke, die, wie er selbst betont, „in einer poetisch abstrakten Auseinandersetzung mit dem Thema Landschaft entstehen“ (1), haben einen Zauber, als wäre nach allem Schrecken, nach all den verheerenden Naturkatastrophen in jüngster Zeit, doch noch ein gutes Ende möglich. In seiner Malerei dominieren „biomorphe, stofflich betonte, oftmals monochrome Farbkörper oder Landschaftsfragmente in einem algorithmischen Duktus“ (2). Die Kraft, die aus der Natur kommt, sieht er stellvertretend in der energetischen Gestalt von Moosen, Schwämmen und allen möglichen Formen von Schwarmexistenz. Gnade lässt der Vorstellungskraft des Einzelnen einen hohen Grad an gestalterischer Freiheit. Und damit auch der Hoffnung, dass die menschliche Existenz nichts Fertiges oder Abgeschlossenes hat. Sie strebt vielmehr danach, sich in der Zukunft zu vollenden. Der Mensch, wie Gnade ihn sieht, lebt also im Zustand des „Noch-Nicht-Seins“. Hoffnung beschreibt Gnade etwa als „Topografie eines schwerelosen Gartens, der sich vertikal, diagonal, horizontal oder 180° kopfüber ausdehnt“.

Wenn die Oberflächen seiner Bilder lecker glänzen, dann deshalb, weil der Künstler seit etwa 2015 auf Teilen seiner Bilder einen Hochglanzwasserlack zum Einsatz bringt, gut zu sehen z.B. in den Bildern „Berlin“, „Sachsen“, „Hessen“, „Mecklenburg-Vorpommern“ und „Schleswig-Holstein“, in denen die Betrachter sich spiegeln können und damit zu Teilen des Bildes werden. Durch die Gegebenheit dieser Spiegelflächen öffnet jedes Werk einen endlosen Raum mit immer neuen Perspektiven. Diese Bilder sind zweierlei: Bild und Spiegel. Das Verhältnis zwischen diesen beiden Funktionen ist höchst kompliziert. Beim Lesen des Bildes können die Betrachter sich einbilden, was immer sie wollen. Der Spiegel dagegen gibt gnadenlos das Spiegelbild wieder. Der Mensch sieht sich selbst im Bild. Er ist der, der er ist, integriert in Gnades Komposition.

Bei diesen Kompositionen fällt auf, dass sie im Vergleich zu früheren Arbeiten, abstrakter und autonomer konzipiert wurden. „Farben und Formen wechseln ihre Position in einem sich wandelnden Bildraum“ (3), der stärker als noch vor zwei, drei Jahren in die Tiefe strebt, von der Oberfläche ins Innere, Imaginäre, in die Black Box. Das Spiegelbild wird von den sie beobachtenden Betrachtern verfolgt. Sie schauen sich beim Denken zu.

Harald Gnade stellt damit Fragen nach der Wesenheit des Bildes selbst. Mit seiner Verdichtung der Formcluster hat Harald Gnade ein neues Kapitel aufgeschlagen und einen eigenen Schatz gehoben. Es sind Pointen der Intensität, die der Künstler hier mit graziöser Unerbittlichkeit zu einer sowohl spiegelgerechten wie malerischen Textur verwoben hat. Dicht ist die Sprache, aber leicht. Sie nimmt das geringere Lineament und gibt ihm Gewicht. Ihr Pathos, ja ihre tastbare Kostbarkeit kommt aus dringlicher Schlichtheit. Das ist Styling. Das ist der gleiche Effekt, der jedem Autoliebhaber die Fingerspitzen glühen lässt, wenn er sein Traumauto erblickt.

Gnade nutzt diese glänzende Schlichtheit als gewährten Freiraum für ganze Ketten von Bildereignissen, für sein serielles Denken. Gewonnen wird damit eine ästhetische Einheit des Stils, die zugleich – in Distanz zu allem vordergründigen Naturalismus – den Kunstcharakter seines Ansatzes betont. 

Gnade bewegt sich in freier Interferenz zwischen „Natur“ und dem „Naturfremden“, dem Organischen und dem gelackten Artefakt, zwischen der Beherzigung des schönen Scheins als eines Phänomens unserer konsumistischen Warengesellschaft und der Distanz zum kapitalistischen Raubbau an der Natur.

Was nun bringt die beiden Künstlerpersönlichkeiten zusammen? Ich vermute: Die künstlerischen Positionen von Schülke und Gnade begegnen sich dort, wo die Form-Spiel-Lust wohnt, das Abenteuer, auch mal neben sich zu stehen und das Verlangen nach dem Unerwarteten. So findet zusammen, was in Welterforschung und Kunstanspruch zusammengehört.

Zitate (1)/(2)/(3) = Harald Gnade / Ausstellungsfaltblatt

 

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