Aktuelle Ausstellung

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Abb. Press Eisenbeis, 2020, Trompetenspiel, 120 x 100 cm

 

Persis Eisenbeis, Malerei

Ornamente im Unerwarteten 

Ihre Bilder wirken in Zeiten der nicht enden wollenden Pandemie, wie eine Beschwörung. Indirekt drücken sie möglicherweise unterschwellige Unsicherheiten und das melancholische Verharren einer unsicher gewordenen Gesellschaft aus. Faszinierend zu sehen ist, wie die Künstlerin das Schmückende und die menschliche Figur zusammendenkt. Nicht in Gegensätzen, vielmehr in einem organischen Miteinander, wodurch die Bilder doppelt interessant erscheinen – in der Behandlung von Form und Farbe und hinsichtlich der Wahrheiten über das Leben. Zwischen Dekor und Gegenstand spannt Persis Eisenbeis ein Netz von Bezüglichkeiten, mit denen sie Zusammenhänge einfängt und bewusst werden lässt. Die Ausstellung umfasst 30 Werke der Malerei, entstanden zwischen 2013 und 2021, ausgeführt in Öl auf Nessel, in der die Künstlerin unsere Zeit und vorwiegend weibliches Erleben in markanten Ereignissen sondiert. Die Momente des Ausruhens, der Absage an den hektischen Alltagsrhythmus, aber auch der Erwartung verdichten sich in Bildern mit Sitzenden. In Bildern von Reitenden im Wald, Mädchen und Pferden sowie Gruppen von Tänzerinnen umkreist die Künstlerin die Themen von Gemeinschaft und Vereinzelung, Distanz und Nähe, Fühlen und Agieren. Die Sehnsucht des Menschen nach Natur, die sich Mädchen und Frauen zunehmend mit und auf dem Pferd erfüllen, spiegelt die Gegenwart aus dem Blickwinkel weiblicher Autonomie, Freiheit und Selbstbestimmung. Absurde Momente im Werk von Persis Eisenbeis zeigen sich dort, wo überraschende Utensilien ins Bild kommen, die mal mehr mal weniger Schrecken zu verbreiten in der Lage sind. Man muss beim scharenweisen Einfliegen von „Wildgänsen“ nicht gleich Alfred Hitchcocks Film „Die Vögel“ von 1963 assoziieren, aber ein leichtes Erschauern oder zumindest eine verdunkelte Aussicht stellt sich schon ein. Ein auffälliger Gegensatz herrscht zwischen den Bewegungsbildern der Tanzenden in „Rotes Meer“, „Schottischer Tanz“, „Schottische Tänzerin“ und „Tanz der Röcke“ und den sitzenden Figuren, z.B. „Gustav“, „Mädchen in Blau“, „Schmetterlinge“, „Das Gebet“ oder „Lesendes Mädchen“, allesamt Bilder der Vertieftheit, des Wartens bzw. innerer Einkehr. Die dargestellten Personen, Kinder (also die nächste Generation) sind allein - aber nicht einsam. Diese Bilder rufen nach einer veränderten All•tagsgeschwindigkeit, sie signalisieren Langsamkeit und Behutsamkeit, wie sie am deutlichsten aus „Girl with a turtle“ spricht. Sie manifestieren nicht nur den Ausstieg aus der Hektik, sie rahmen das beruhigte Bei-sich-Sein und versenken und schützen es im Keilrahmengeviert. Zwischen diesen Bildern und uns existieren unterschiedliche Sorten Geschichtlichkeit. Die Bilder weisen in eine andere Zeitlichkeit. In ihnen sind menschliche Erfahrungs-und Handlungsweisen ästhetisch codiert, die über die konkrete kalendarische Zeit hinausweisen. Sie stehen im Widerspruch zur geläufigen Überanpassung an die leistungswillige Gesellschaft. Gerade deshalb sind sie so besonders. Ihr Eigensinn bindet sich an die stillgestellte Zeit. Dass ein Zeitalter, in dem um den Fortschritt der Gewinnmaximierung gekämpft wird, zur Unterbrechung der Zeit-ist-Geld-Logik nur ein gespanntes Verhältnis haben kann, liegt auf der Hand. Das steigert den intellektuellen Wert dieser Werke. Hier, in der Ruhezone, fängt sie an, die Neuzeit. So wie die Künstlerin ihren Pinsel führt, hat sie etwas von einer Feinstmechanikerin, die an der wundersamen Ver-rückung arbeitet, an der Entrückung, im ornamental hinterlegten Freiflug der Phantasie neben der vertrauten Welt.

Sie tut das kunsthistorisch erfahren, aber konventionsunbelastet. Es ist völlig egal, ob die Welten, die Persis Eisenbeis entwirft, der vorhandenen Welt widersprechen oder ihr beipflichten. Niemand muss an die Welten dieser Malerei glauben. Das mindert nicht ihren Grad an Schönheit. Träume und Projektionen sind privat. Aber die Kunst ist nicht zuletzt die Öffentlichkeit solcher Privatheit. Man muss diese Kunst nicht für wahr halten, um sie zu verstehen und zu mögen. Über die Jahre hat die Künstlerin die Spielart des Phantastischen immer wieder angeschlagen und wird sie wohl weiter ausmodulieren. Es gehört zu ihren Stärken, nicht eintönig rational zu sein, vielmehr metafiktional, ja magisch realistisch. Der futuristische Raketenstart in „The rocket“ (2017) erschreckt weder die unter ihm weidenden Strauße, noch die Straußenreiterin, die ihren Blick gen Himmel richtet. Persis Eisenbeis geht es um mehr als um die bloße spekulative Konstruktion eines Szenariums fiktionalen Weltwandels. Die knisternde Raketen-Groteske ist lediglich der Knalleffekt für eine pop-farbige Mensch-Tier-Verschwisterung. Im Grenzgang zwischen Befremden und Erstaunen werden wir sensibilisiert für einen achtsamen Umgang mit der Schöpfung. Ob man sich über solch ein Bild wundern soll, ist egal, sobald man das Verstandeslicht ausknipst. Die Künstlerin hat Spaß an Eigentümlichkeiten und visuellen Stolpersteinen, mit denen sie ihren Bildern zuweilen eine verblüffend unerwartete Richtung verleiht. 

Christoph Tannert, Direktor Künstlerhaus Bethanien, Berlin

 

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Abb. Press Eisenbeis, 2020, Ritt durch den Wald, 40 x 30 cm

 

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Abb. Press Eisenbeis, 2019, Gustav, 70 x 60 cm

 

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Abb. Press Eisenbeis, 2014, Vor dem Auftritt, 50 x 40 cm

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