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Zu den Bild-Epen von Jiny Lan

Jiny Lan versteht sich als Malerin, Konzeptkünstlerin und Aktionistin, die nicht nur ihre Malerei mit großer Dynamik entfaltet, sondern auch sich selbst als Künstlerin ins Zentrum ihrer Videoarbeiten stellt. Einer ihrer letzten Filme titelte sie „Past Future Continues“, in dem sie ihre Kunstwerke als bewegte Choreographie inszenierte. Der experimentelle und innovative Charakter des Films verrät viel über ihr künstlerisches Denken, das um das permutierende Verhältnis aller Lebewesen und Dinge mit einander kreist.  

Jiny Lan ist im Norden Chinas aufgewachsen, in einer kalten Region, nahe der Grenze zu Nordkorea. Es mag an der Kälte liegen, an der Grenzsituation, an der Jugend in China noch vor dessen politischer Öffnung und auch ihrer engagierten Beteiligung an der Demokratiebewegung in China im bedeutenden Jahr 1989, dass ihre Werke durchdrungen sind von innerer Kraft und Bewegtheit, die sowohl die Motive erfasst als auch die von ihr inszenierten Räume. Nichts, so scheint es, bleibt in Ruhe, alles wird in einen Wirbel der elementaren Kräfte hineingesogen oder aus diesen herauskatapultiert. Ihre Menschendarstellungen sind immer Teil des inszenatorischen Prozesses, sind mitunter handelnd, oft genug aber auch nur ausgeliefert und reaktiv handelnd. Dabei ist es ihr wichtig, dass vielfach Motive mehrfach verwendet und überarbeitet werden, sie sind hineincollagiert und übermalt, so dass am Ende der Betrachter nicht zu unterscheiden vermag, was   Print oder gemalte Fläche ist und deswegen zugleich Abbild und Malerei ineinander unentwirrbar verschmelzen. Der Betrachtende wird gleichsam selbst in diesen gigantischen Strom der Kräfte mit hineingezogen und durchgewirbelt. Werke wie „Vorwärtsbewegung“ (2013), „Within ten seconds“, „Passive Freedom“(2016) oder „Prophezeiung“ (2014) bezeugen diesen Strom der Zeiten und Fluten, dieses mitreißende elementare Kräfteverhältnis, dem der Mensch kaum etwas entgegen zusetzen hat.  

Sie thematisiert gerne Geschichten und Historien, die so anmuten, als würden sie von der Menschheitsgeschichte erzählen – mehr überindividuell als persönlich geprägt. Es sind Epen und Dramen, die sich am Rande der Apokalypse entlang bewegen und nur selten einmünden   in ein friedliches Tal. Sie durchmischt dabei geschickt die Auswirkungen der Zeitgeschichte mit Ansätzen aus ihrer privaten Biografie. In Gemälden überlagert sie mitunter Motive von ästhetischer Prägnanz, unterfüttert sie mit teils traditionellen Frauenbildern, anhand derer sie die moralischen wie auch tradierten Klischees in China unterbreitet und sie in umfangreichen Serien morphologisch wandelnd und mäandrierend entfaltet. Das eine setzt das andere fort, zeigt Zusammengehörigkeit und Eigenständigkeit gleichermaßen.

Die Werke von Jiny Lan lesen sich wie Epen, können dabei in einer Reihe angeordnet werden. Jedes Bild übernimmt Elemente seines Vorgängerbildes und gibt andere Elemente an das nachfolgende Bild weiter, in etwa so wie Gene geerbt und weitervererbt werden. Dieser Prozess ist auf eine unbegrenzte Weiterführung ausgelegt. Die Künstlerin verspricht, sich ein Leben lang zu bemühen, ihr Epos zu ergänzen. Dass dieses am Ende ihres Lebens nicht vollendet sein wird und offen bleibt, reizt die Urheberin besonders. Die Bilder, die sowohl in der Form als auch inhaltlich miteinander durch „Blutsverwandtschaft" verbunden sind, bilden zusammen ein System ähnlich einem großen Familienstammbaum, der sich immer weiter entwickelt und vergrößert. So baut sie als Schöpferin eine fiktive Parallelwelt, da sie in ihrem eigenen Familienstammbaum   nach chinesischer Tradition als Frau nicht erscheinen darf. Sie malt, sie konzipiert, um da zu sein, und um einmal da gewesen zu sein.   

Jiny Lan agiert gerne in beiden Kulturen, in der des Westens, wo sie seit 1995 lebt, und in der des Ostens, wo sie ebenso intensiv immer wieder mal eintaucht. Ihre Kunst versteht sie dabei als privat wie auch politisch und ihre ganz Kraft entfaltet sie tatsächlich am ehesten in den vielzähligen Aktionen, die ihre Ausstellungen begleiten. Diese unterschiedlichen Rollen lassen sich auf verschiedenen Ebenen sowohl verbinden als auch trennen. Die Arbeiten zeigen wiederkehrende Motive: die spektakuläre Kuppelarchitektur des berühmten Einkaufstempels „Galleria Vittorio Emanuele II“ in Mailand, den Platz des Himmlischen Friedens in Peking, eine katholische Kathedrale in Spanien, Götter, Menschen, Affen, Halbmenschen-Halbaffen, tote Elche, springende Pferde, fallende Frauen, nackte Männer und unzählige Frauenportraits, die in der Dämmerung der Nacht halb versteckt sind. Die Motive sind sorgfältig gewählt und dienen als Bindeglieder und Symbole zwischen dem Individuum und der Gesellschaft, den westlichen und den östlichen Kulturen. Die Bedeutungen der Symbole verändern sich in den epischen Bilderreihen in den jeweiligen Zusammenhängen der einzelnen Bilder, die einen sich stetig verändernden Kontext ergeben.

Dabei wählt Jiny Lan gern extreme Polaritäten, inszeniert dramatische Darstellungen, mal beweglich und starr, ebenso schön wie hässlich, behütend oder bedrohlich. Ganz sicher aber reizt sie das Extrem, das Spiel auch mit den Erwartungshaltungen und Gefühlen der Betrachter. Neben dramatischen, gleichsam bühnenhaften Bildern inszeniert die Künstlerin auch scheinbar gewöhnliche Szenen, in denen sie interessante Details versteckt. Diese auf den ersten Blick motivisch banal erscheinenden Sujets lassen sich in ihrer meisterhaften Maltechnik von traditioneller Malerei kaum unterscheiden. Einige Figuren sind sogar absichtlich direkt aus bekannten Gemälden adaptiert und zitieren dessen Kontext. Zum Beispiel malt sie eine elegante junge Frau, mit langen, bis zur Taille reichenden   Haaren. Auf den ersten Blick scheint die Figur genauso, wie die gewöhnliche Darstellung eines archetypischen, sanften und hübschen, chinesischen Mädchens, aber wenn man genauerer hinsieht, entdeckt man, dass sich in den langen Haarsträhnen vertikal geschnittene Streifen aus alten chinesischen Büchern verstecken. Auf den hineincollagierten Textstreifen sind konfuzianische Sprichworte zu lesen, die das traditionelle Verhältnis zwischen Mann und Frau beschreiben (z.B. „Der Ehemann singt, die Ehefrau klatscht!“). Die weiblichen Tugenden, die es erfordern zart, nett, bescheiden, sparsam und tolerant gegenüber den männlichen Attitüden zu sein, werden lyrisch verarbeitet.   Das Ausgangskonzept des Bildes basiert auf dem chinesischen Sprichwort „lange Haare, kurzer Verstand“ und ironisiert so den heutzutage als   absurd empfundenen Sinn des traditionellen Denkens.   Jedes einzelne Werk ist eine eigenständige Einheit, hat seinen eigenen Ausdruck und Inhalt und wenn man es mit dem vorhergehenden oder dem nachfolgenden Bild zusammen betrachtet, wird wiederum eine neue Interpretation möglich. In einem Bild scheint zum Beispiel eine Gruppe von nackten Männern vergeblich auf dem Boden etwas zu suchen,   im nachfolgenden Bild tauchen sie auf der Oberfläche eines unbekannten Planeten auf. Diesmal scheinen sie doch etwas gefunden zu haben. Auf einem anderen Bild verschwinden manche der Männer, einer taucht unter einem Teetisch als Tischbein wieder auf. In einer anderen Werkgruppe verwandelt sich die Inszenierung einer Frau, die gedankenversunken in einer Badewanne liegt, im nächsten Bild in eine seltsame Szene, in der der Frauenkörper von einer uralten Baumwurzel gefesselt wird. Jiny Lan gibt den von ihr erfundenen Figuren die Aufgabe, in verschiedenen Szenen unterschiedliche Interpretationen zu vermitteln. Diese Methode geht offensichtlich auf ihre persönliche Erfahrung mit multikulturellen Identitäten zurück: was in einer Kultur als etwas Positives betrachtet wird, wird vielleicht in einer anderen Kultur als negativ gesehen; was in einer Situation ein Geborgenheitsgefühl hervorruft, kann in einer anderen bedrohlich wirken. Als Künstlerin, die sich fließend zwischen den Kulturen bewegt, kann sie das Gefühl genau erfassen, wie die Dinge oder Menschen und ihre Umgebung sich gegenseitig reflektieren und rekonstruieren oder auch dekonstruieren.  

Dem alltäglichen Malrhythmus folgend, unterliegen die Werke auch den Stimmungsschwankungen der Künstlerin, die bewusst dieses Auf- und Ab mit einkalkuliert. Die Gemälde tragen deshalb häufig eine melancholische, bis geradezu düstere Grundgestimmtheit in sich, die ihnen ein eigenes Pathos verleihen.   Dieser unzeitgenössische, weil zugleich nicht der klaren rationalen Welt anverwandten Stringenz verhaftet, Duktus ihrer Bilder verortet diese in die Dramatik der Historienbilder im Stile des späten 19. Jahrhunderts und damit auch dem bei Friedrich Nietzsche verankerten Nihilismus menschlicher Existenz.   Diesem Nihilismus setzt sie zugleich das permutierende, sich gegen alle Widerstände durchmendelnde Symptom des Weiterlebens.

Prof. Dr. Beate Reifenscheid, Direktorin von Museum Ludwig, Koblenz

 

Jiny Lans poetisch-provokative Kunstwelt

Ich habe Jiny Lan während einer Reise nach Dunhuang in China kennengelernt, als wir mit anderen Künstlern zur Eröffnung der ersten Internationalen Kunst Expo an der Seidenstraße eingeladen waren. Bei unserem ersten Ausflug zu den Ausstellungshallen stand da eine unübersehbare Gestalt vor mir: mit beinah kahlgeschorenen Haaren, angezogen mit einer schrägen Mütze, seltsamen Shorts, Stiefeln, und einer umgestülpten pinkfarbenen Einkaufstasche, die als Bluse umfunktioniert worden war. Sie strahlte eine große Freundlichkeit aus, streckte mir ihre Hand entgegen und sagte, dass sie Jiny Lan sei.

Ich habe mir die Bilder der Ausstellung angeschaut, und als erstes fiel mir ein Bild auf, auf dem eine große Hand über einer nicht weiter definierbaren Landschaft hing. War die Hand auf der Flucht oder bestimmte die Hand das, was unter ihr geschah? Vielleicht wollte die Hand uns mahnen? Es war ein rätselhaftes, anziehendes Bild, das man nicht einfach deuten konnte. Es war ein Bild von Jiny Lan. Für mich war dieses Bild eines der spannendsten in der Ausstellung, das sagte ich ihr, und so begannen wir, uns kennenzulernen.

Später habe ich viele weitere Kunstwerke von ihr gesehen; ich habe sogar erlebt, wie sie an einem Bild arbeitete, als unsere chinesischen Gastgeber uns bei der besagten Reise zu einem   künstlich hergestellten Park mit blühenden Blumen und Bäumen fuhren, wo Staffeleien samt Farben und Pinseln malerisch in der Landschaft aufgebaut worden waren, in der klaren Erwartung, dass die Künstler etwas produzieren, was sie den Gastgebern schenken würden. Kaum waren die Bilder fertig, wurden sie von zwei Männern von den Staffeleien abgenommen, im Kofferraum eines Autos aufeinander gestapelt, und weg waren sie. Ich versuchte in englischer Sprache sie aufzuhalten, und Ihnen klarzumachen, dass die Bilder noch nicht trocken waren, und nicht einfach so aufgestapelt werden sollten... Insbesondere das Bild von Jiny Lan, das dick aufgetragene Farbkleckse hatte, würde durch diese Behandlung sicherlich eine ganz neue Form bekommen. Aber Jiny lachte. Jetzt wo ich einige ihrer Arbeiten, und ihre Arbeitsmethoden etwas kennengelernt habe, ist mir klar, dass unerwartete Transformationen für sie willkommen sind. Sie bearbeitet ja selbst ihre Bilder mehrmals, glaubt nicht an die endgültige Form oder an ewig andauernde Kunstwahrheit. Ihre Bilder: die nackten Männer, die vor einer Natur(?)Katastrophe fliehen, die Frau mit der Orange als Kopf, die schwebenden Gestalten, die irgendwo in der Welt hingestellt sind, und so verloren wirken-   sie alle gehören zu einem Universum von Fragen und unklaren Situationen. Zu einer Welt, die nicht verständlich ist, und die nicht künstlich verständlich gemacht werden soll.

Jiny Lan liebt es, alles in der Schwebe zu lassen. Wissend, dass nichts endgültig ist, gibt sie mit ihrer Arbeit Rätsel auf, die jeder zur eigenen Wahrheitsbildung nutzen kann. Für mich wurde der Impetus, die Kraft aus der ihre Arbeit zehrt, noch klarer, als ich in ihren biographischen Notizen las, dass sie als Frau in ihrem eigenen Familienstammbaum nicht existieren durfte. Sie schrieb selbst, dass sie „eine Bilder-Welt   kreieren wollte, in der sie selbst die Schöpferin ist“. Diese Selbstbehauptung wird bei Jiny Lan zum Motor für ihre Kunst, eine Kunst, die aus dem Kampf mit dem Nicht-Sein entsteht- eine überlebenswichtige Kunst. Sie erzählt, dass es „ein Fehler der Behörde   war, dass in ihrem Pass „Jiny“ statt „Jing“ getippt wurde. Den Namen „Jiny“ benutzt sie in Deutschland als echten Namen...“. So wird aus einem fiktiven ein „wahrer“ Name. Auf diese Weise wird aus der Reibung zwischen Wahrheit und Fiktion eine neue Narration geboren, und so entsteht die poetisch-provokative Kunst-Welt der Jiny Lan.

Professorin Jeanine Meerapfel, Präsidentin der Akademie der Künste, Berlin

 

Das Kombinationstier

In einem privaten Gespräch sagte Roman Signer, dass er Jiny Lans Malerei für einen echten und eigenständigen Beitrag der chinesischer Kunst hält. Hier muss ich meinem Lieblingskünstler Recht geben. Dies ist auch die Meinung, die ich nach fünf Jahren Beschäftigung mit chinesischer Kunst und mit Jiny Lans Malerei entwickelt habe. 

Kennengelernt habe ich Jiny Lan auf meiner ersten Reise nach China in einem riesigen KLM-Flugzeug. Zufällig saßen wir nebeneinander. Und wollten beide zur Biennale in Shanghai. Sie ist als Künstlerin zu der Biennale eingeladen, ich als Kurator. Ich sollte das Projekt von Roman Signer begleiten. Da Jinys Kunstprojekt zwei Monaten später nach der Eröffnung stattfinden sollte, konnte sie bei Romans Arbeit mithelfen. So begann eine freundschaftliche Beziehung, die sich nach der Reise stabilisiert hat.

Später einmal hat sie mir das Leben gerettet, als ich im japanischen Dschungel verloren gegangen war. Sie ließ meine Notrufe übersetzen. Schliesslich, als ich schon aufgeben wollte, kam ein Helikopter und pflückte mich von einer Klippe. 

Wir tauschen unsere Gedanken sehr häufig aus. Sie schickt mir Bildern, die sie frisch gemalt hat, ich gebe ihr Kommentare. Sie verrät mir die geheimen Symbole, die sie in die Bilder eingebaut hat. Man muss ihre gesamte Geschichte kennen, um die Geheimnis zu entschlüsseln. Zum Beispiel malt sie oft fallende Frauen, da der Sprung von einer Mauer für sie eine Weg in die Freiheit war. Das ist eine Geschichte, die sie nicht jedem erzählen möchte. 

Jinys Malerei erinnert sehr an Träume. Sie sagt, ihr leben sei ein Traum. Wenn sie in Deutschland sei, träume sie von China. Wenn sie in China sei, träume sie von Deutschland. In ihren Bildern kommen die Träume zusammen. Die Kulturen überlagern sich. Dramatisch türmen sich die kulturellen Versatzstücke übereinander auf, wie in Architekturphantasien Piranesis. Was dabei entsteht, ist phantastisch. Es sind Kreuzungen aus Ost und West. Es sind Wunderwelten, die faszinieren – und die doch jederzeit vom Zusammenbruch bedroht scheinen. Ihre Bilder wirken nie starr, sie sind immer in Bewegung. Das Drama ereignet sich – jetzt. Bedrohlichkeit und Verführung werden exakt in der Waage gehalten. Und ein Bild entwickelt sich aus dem anderen heraus. Wie bei einer Kette. Auch hier gibt es keinen Stillstand, kein Innehalten. Es geht immer weiter.

In Jinys Kunst gibt es zwei Zweige. Der eine ist performativ und spielt sich in einer Gruppe ab, die sich "Bald Girls" nennt. Ihr gehört auch Xiao Lu an, die Ende der 1980er-Jahre berühmt geworden ist, weil sie während der allerersten Ausstellung von zeitgenössischer Kunst im chinesischen Nationalmuseum von Peking mit einer Pistole auf ihr eigenes Werk geschossen hatte. Die Ausstellung ist darauf sofort geschlossen worden. Wäre der Vater von Xiao Lu nicht Rektor der Kunstakademie von Hangzhou gewesen, die ausserhalb Pekings die bedeutendste von ganz China ist, wäre Xiao Lu nicht so schnell wieder aufgetaucht. Von Jiny selber wusste ich, dass sie während den Demonstrationen von 1989 auf dem Tiananmen-Platz mit dabei war. Sie erzählte, dass den Studenten dort warme Kleider und Essen gebracht worden seien. Dass die Hilfsorganisationen sehr gute Arbeit geleistet hatten. 

Das einzige, was fehlte, waren Schuhe. Ihre Füsse waren so feucht und sie hatte so grosse Schmerzen an den Füssen, dass sie den Platz nach zwei Woche verlassen musste. Weil sie die Schuhe so lange nicht ausgezogen hatte, begann sich die Haut von den Füssen abzulösen. Sie hat deshalb bis heute Probleme mit ihren Füssen. Wenige Tage, nachdem sie den Platz verlassen hatte, kamen die Panzer. "Bald Girls" machen feministische Aktionskunst. Es war fast ein Glück, dass Jinys Werke auf der ersten „Bald Girls“ Ausstellung in Peking die Aufmerksamkeit der New York Times erhielten*. Jiny arbeitet auch außerhalb der Gruppe performativ, zum Beispiel zusammen mit dem  Fluxus-Künstler Ben Patterson. Jiny steckte in einem gelben Ganzkörperanzug, Ben Patterson in einem schwarzen. Sie schreiben sich gegenseitig mit schwarzer beziehungsweise gelber Farbe rassistische Beleidigungen, bis beide Anzüge gleichermaßen schwarzgelb gefärbt sind. 

Jinys Kunst dreht sich oft um Beziehungen zwischen den Geschlechtern und zwischen Kulturen. Die erste Hälfte ihres Lebens hat sie in China verbracht, die zweite in Deutschland. Die beiden Kulturen könnten unterschiedlicher kaum sein. Vor allem für eine Künstlerin. In Deutschland ist sie Teil eines Kunstsystems mit Museen, Galerien und Sammlern. In China kann sie in einem Moment zurück zu dem Leben von Früher, als ob so ein Leben niemals unterbrochen hätte. 

Jiny, die in ihrem lustigen, chinesischen Deutsch, das schneller ist als richtiges Deutsch, weil wie im Chinesischen Begriff an Begriff gereiht wird, ohne unnötige Füllwörter wie Artikel, erfindet viele Wörter. Zum Beispiel das Wort „Kombinationstier". Sie meint damit eine Kreuzung verschiedener Tiere: zum Beispiel vorne Giraffe, hinten Elefant. Sie ist selber ein Kombinationstier. Verbindet zum Beispiel eine besondere Intelligenz, die von sehr viel Lebenserfahrung zeugt, mit hoher Emotionalität. Ihre Bilder sind auch „Kombinationstiere": Sie verbinden Computerdrucke mit Malerei. So, dass sich kaum unterscheiden lässt, was gemalt und was gedruckt ist. Das Gemalte kann sich im nächsten Bild dann auch ins Gedruckte verwandeln. Und an diesem Gedruckten wird dann wieder weiter gemalt. So entstehen Generationen von Bildern. Motive verzweigen sich, pflanzen sich fort, generieren neue Mischformen. Kernspaltung und Zellteilung stehen Pate. Und das Analoge und Digitale feiern gemeinsam Hochzeit. Ihre Bilder sind denn auch so etwas wie ihre Kinder. Sie malt sich die Seele vom Leib, Die Oberfläche von Wesen, arbeitet ihre Vergangenheit auf, ihre eigene Geschichte und die Geschichte Chinas.Jiny Lan hat so viel Ideen, dass sie ständig fast von den Ideen explodiert. 

Jiny ist eine Aktivistin. Sie malt, performt und schreibt. Ihre Kunst ist eng mit ihrem Leben verwoben: Sie ist zugleich privat und politisch, intim und initiativ, verletzlich und kraftvoll. Jiny ist eine Kämpferin. Sie kämpft für eine bessere, solidarischere, respektvollere Gesellschaft. Sie ist provokativ und hat eine Menge von Fans rund um den Erdball. Und sie kann zum Glück nicht nur kämpfen sondern auch genießen. 

Jiny hat drei Kinder und einen viel jüngeren Mann. Sie verdient ihre einigen Unterhalts mit Kunst und unterstützt auch ihre Familie. Jiny findet, dass Künstler nicht privilegiert werden müssen, nur weil sie Künstler sind. Sie findet, dass auch – und gerade! – Künstler sich ihr Leben mit der eigenen Kunst verdienen müssen. Alles andere, vor allem staatliche Unterstützung, würde eine „Über-Autorität" entstehen, und diese „Über-Autorität" hasst sie über allem anderen. 

Ihr Äußeres gestaltet sie deshalb so extrem, damit sie die Menschen, denen sie begegnet, schneller beurteilen kann. Diejenigen, die auf ihr Äußeres seltsam reagieren, stösst sie sofort weg. So verliere sie keine Zeit mit ihnen. Genau wie ihre  äußere Gestalt, das nirgendwo perfekt hineinpasst, ist auch ihre Kunst: sie passt nirgendwo perfekt hinein, ist aber einzigartig und unvergesslich. 

Simon Maurer, Kunstkritiker, Direktor Helmhaus Zürich 

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